Macht die Globalisierung den deutschen Texten den Garaus?
Macht die Globalisierung den deutschen Texten den Garaus?
19. Oktober 2017 • geschrieben von:

Wenn die deutsche Sprache auf ungeübte Ohren trifft, löst ihr harter Klang vorerst keine Emotionen aus, die uns Deutschen schmeicheln dürften. Sie ist ein feines Werkzeug und dient hervorragend dazu, Sachverhalte sehr unmissverständlich zu erklären. Wenn man es so will. Präzise, genau, ordentlich - wie der Durchschnittsdeutsche es gerne mag.

Aber müssen wir sie deswegen verschmähen? Es ist wie mit Familie: wir müssen uns der Tatsache stellen, dass wir dieses Los gezogen haben, denn eine andere kriegen wir nicht. Oder etwa doch? Und hier kommt der größte Exportschlager aus dem englischen Sprachraum ins Spiel. Es ist erstaunlich, welchen Reiz die englische Sprache auf die Musikbranche auswirkt.

Ob man es kann oder nicht, manch einer will ums Verrecken nicht in seiner Muttersprache singen. Was dabei dann manchmal herauskommt, kann man vielleicht auch einfach als das betrachten, was es offensichtlich zu sein scheint: der charmante, satirische Versuch, auf den Niedergang in eine öde Monotonie, aufmerksam zu machen. In Deutschland merkt man auf, wenn man bei Künstlern feststellt: Oh, die singen ja auf Deutsch. Aber was ist denn falsch daran?

Deutschland kann stolz auf eine Historie mit großartigen Poeten zurückblicken. Warum ist die Sprache, mit der die deutschen Dichter und Denker damals so geistreich gespielt haben, für unsere zeitgenössischen Poeten weniger interessant als das Englische? All die halskratzigen chs und die rollend-gurrenden rs, sind sie der Grund? Man muss schon zugeben, dass ein Song auf Deutsch einen ganz anderen Klang bekommen kann, als wenn er in Englisch vorgetragen wird.

Auf Englisch wirkt er plötzlich größer, wichtiger, internationaler. Es scheint so, als könne man sein Publikum so einfach vergrößern. Schließlich ist Englisch die meistgesprochene Sprache der Welt, da müssen doch irgendwo Abnehmer für jeden Musikstil zu finden sein. Wer dieser Logik folgend seine Songs jetzt noch ins Chinesische übersetzt, macht das Rennen. Einen großen Vorteil der englischen Sprache will ich nicht unterschlagen: sie klingt angesagt.

Eigentlich ist es fast egal, was man singt, es klingt irgendwie alles ganz gut und modern. Und wie praktisch sich ein im Grunde langweiliger Songtext unter dem englischsprachigen Deckmantel verstecken kann, um seinen Schöpfer davor zu bewahren, der Einfallslosigkeit überführt zu werden. Ist es nicht so, dass wir am verständlichsten mit unserer Muttersprache ausdrücken können, was uns wirklich bewegt?

Wer also etwas zu sagen hat und gehört werden möchte, sollte er das nicht mit den Mitteln tun, die ihm die besten Möglichkeiten bieten, andere Menschen tief zu berühren? Ist es nicht die größere Kunst, mit Wörtern zu jonglieren, sich an Wortneuschöpfungen zu probieren, Wortspiele zu erfinden? Viele erfolgreiche Künstler haben schon vorgemacht wie großartig, raffiniert, witzig und berührend es klingen kann, wenn die deutsche Sprache liebevoll neuinterpretiert wird.

Es gibt zahlreiche Songs, die auch nach dem hundertsten Mal nicht langweilig werden, weil ich auch beim hundertersten Mal über die gelungenen Formulierungen schmunzeln muss. Das schönste an unserer Welt ist die große Vielfalt. Es ist erlaubt, aus der Masse herauszustechen und nicht im Einheitsbrei zu versinken. Auch wenn es zunehmend den Anschein hat, ist Englisch nicht die einzige Sprache auf der Welt. Jede Sprache kann wunderschön sein – selbst die deutsche. Der Markt ist übersättigt mit schlechten Texten ohne Seele – Hauptsache international.

Wieso nicht mal den Mut haben, diese höfliche Distanz zum Publikum zu überwinden und es mit Worten zu berühren, die nicht so klingen wie sie irgendwelche beliebigen Künstler schon unzählige Male zuvor gesungen haben? Ein paar Minuten länger über den Inhalt nachdenken.

Das könnte Gold wert sein.

Letzten Endes bleibt es eine Frage des Geschmacks und über den lässt sich in den wenigsten Fällen streiten. Welche Sprache man bevorzugt, bleibt dem Gusto des Künstlers und des Zuhörers überlassen. Und vielleicht ist die Präsentation auch so authentisch, dass die Sprache keine Rolle spielt, denn die Laute, die unsere Kehlen ausquetschen, sind nicht die einzige Sprache, die wir Menschen verstehen.