Let’s talk about Songwriting #2
Let’s talk about Songwriting #2 – Weniger könnte so viel mehr sein
21. März 2019 • geschrieben von:

„Ein guter Song funktioniert mit einer Stimme und einer Gitarre“. …so, oder so ähnlich könnte eine Maßgabe lauten, die in der modernen Musik meines Erachtens nach viel zu oft vergessen wird. Prügeln wir unsere Songs voll mit Riffs und Melodien über Melodien gepaart mit 4-stimmigen Backgroundchören einfach weil’s „fett“ und „episch“ ist.

Gerade auch dadurch, dass das Aufnehmen immer leichter geworden ist und jede Band sich prinzipiell auch selbst produzieren kann, ist ein subtiles Phänomen entstanden was dem Leitbild einer amerikanischen Band nacheifert: Periphery.

Natürlich gefällt Periphery nicht jedem, und nicht jeder kennt sie – allerdings waren es Periphery, die die Prägung des Subgenres Djent (ganz kurz erklärt: extrem rhythmisch fokussierter Metalcore) noch weiter nach vorn getreten haben als Meshuggah das getan haben. Von Periphery gibt es wirklich viel Infomaterial im Netz, ihren Songwritingprozess haben sie mehr oder weniger komplett offen gelegt. Wenn man sich das Ganze zu Gemüte führen möchte, sollte man aber eines im Hinterkopf behalten: Periphery selbst sagen, dass ihr Fokus moderne Soundproduktion ist, und dass sie ihre Songs quasi dem Sound auf den Leib schreiben und nicht umgekehrt. - Dass sie damit ihre Nische gefunden haben, dürfte außer Frage stehen – ebenso wenig, dass sie nicht zwingend auf Ohrwürmer und Charterfolge zielen.

…warum führe ich eine Metalcoreband als Beispiel in einem Songwritingpost an? Nunja, um eben das subtile Phänomen beispielhaft zu erklären, wie sich Songwriting verändert hat, seit Bands sich selbst produzieren können. Songs entstehen zunehmend seltener im Proberaum, viel öfter schon direkt im Demoprojekt auf dem Laptop. Nicht selten werden schon dann Keyboards, Gitarren und Backgroundvocals en Masse gelayert um den Song schon noch bevor er jemals im Proberaum performt wurde möglichst bombastisch daherkommen zu lassen.

Wir befinden uns im „Loudness War“ des Songwritings.

„Der Song muss den Leuten aus dem Lautsprecher ins Gesicht springen!“ Natürlich. Und jetzt überleg dir doch einmal folgendes: Du bist zu den MTV Europe Music Awards eingeladen. Du und deine Begleitung sind über den roten Teppich und kommen in das Foyer, bevor ihr zu euren Plätzen geht. Ein Kellner kommt vorbei und brüllt euch an: „SCHAMPUS! HIER! NIMM EINEN SCHAMPUS! DER IST GRATIS! LOS! NIMM IHN DIR JETZT!“ …ein bisschen deplatziert und brachial oder? Da gehste natürlich verdutzt weiter. Spricht euch dann aber noch ein weiterer Kellner charmant von der Seite an: „Darf’s ein Glas Champagner sein? Oder wahlweise Wasser oder eine Weißweinschorle?“ …da überlegst du doch mindestens, WAS du haben möchtest oder?

Und das lässt sich auch ins Songwriting übersetzen: Wir wissen (hoffentlich) alle, dass der Loudness War im Mixing und Mastering so langsam vorüber ist und abtaut. Schließlich ist dynamische Musik doch lebendiger und passt damit besser in unser Leben.

Da der Mensch aber ein Gewohnheitstier ist und wir uns von unserer eigenen Erinnerung täuschen lassen (oftmals haben wir den Sound eines Songs ein wenig „größer“ in Erinnerung, als er tatsächlich klingt), versuchen einige Musiker nun schon vor der eigentlichen Studioproduktion den Loudness War zu gewinnen:

Wie oben angesprochen, werden schon Demos mit allen möglichen Füllelementen vollgestopft „damit’s nach was kingt“. Well… Spoiler Alert: So wird das nix. (und wenn doch: holy f**k, das hat dann sicher einen Haufen Nerven gekostet…) Hinterher kommt vielleicht ein Song bei rum, der Druckvoll klingt, aber hat der dann noch einen sinnvollen Spannungsbogen und bleibt er im Ohr? Gibt es Unterschiede in der Dynamik, oder kommen Strophen mit genau so viel Druck daher wie der Refrain? GIBT ES HIGHLIGHTS?! Während wir Musiker oftmals versuchen ein kontinuierliches „hoch“ an Druck und Energie zu erzeugen, vergessen wir oftmals wie wichtig Pausen sowohl in der Musik als auch beim Musizieren sind sowohl in der Musik als auch beim Musizieren – oder wie viel es Wert sein kann, einen Song atmen zu lassen.

In einem konstanten „hoch“ nehmen wir kaum noch Dynamik wahr – denn sie ist klein gehalten durch den konstant hohen Energielevel (Anm. d. Autors: Es handelt sich hier um bildliche Begriffe, rein technisch gesehen ist das hier vollkommener Mumpitz, aber hier geht’s schließlich um Songwriting und nicht das Produzieren).

Ein Refrain kommt richtig bombastisch, wenn deutlich mehr, oder in manchen Songs deutlich weniger Energie drin steckt als in den Strophen – quasi schon eine plakative Abgrenzung, die dem Hörer mit allen Mitteln mitteilt: Hey! Das hier ist der Refrain! …anstatt ihn lediglich anhand des Textes „präsent zu haben“. Ein druckvoller Refrain gibt auch die Möglichkeit, Strophen noch mehr atmen zu lassen – sei ehrlich: die kleine Melodie, die super leise „hinten links“ in der Strophe mitläuft… tut die wirklich Not? An dieser Stelle möchte ich nochmal Trios „Da Da Da“ erinnern – DAS ist ein Hit OHNE aus allen Nähten zu platzen!

Mut zur Lücke! Was für dich vielleicht im ersten Moment schon zu dünn klingt, ist für den Song vielleicht genau das richtige. Womit wir wieder beim ersten Artikel dieser Kolumne wären: Hole dir Feedback, wann immer du die Gelegenheit dazu hast und stelle gezielte Fragen! …denn einfach alleine in deinem stillen Kämmerlein zu versuchen so zu klingen wie Künstler XY bringt wahrscheinlich nicht die erhoffte Erfüllung…

Außerdem hat dieses „atmen lassen“ auch einen weiter reichenden Effekt für die Live-Performances deiner Band: Je weniger du deine Aufnahmen mit Add-Ons und Extras „vollstopfst“, desto näher sind eure Aufnahmen an eurer Live-Performance und desto „besser“ klingt ihr live – einfach weil weniger fehlt und ihr euch im Zweifelsfalle nicht darauf verlassen müsst, dass euer monströs großes Backingtrack-File mit 64 voll-automatisierten Spuren auch in jedem Technik-Setup und in jedem Club mit unterschiedlicher Akustik funktioniert.

(Wie Add-Ons, Overdubs und Backingtracks einen Song bereichern können, findest du in kommenden Artikeln dieser Sparte)

Lust auf ein Experiment? Dann gibt’s zum nächsten Mal eine kleine Hausaufgabe für dich!

Schreibe einen Song. Aber nicht am Computer mit Drumsamples und mehreren Spuren. Einen Song, nur mit einer Gitarre (oder einem Klavier) und (d)einer Stimme. So simpel, dass jeder ihn nach zwei Mal hören mitsingen kann und du dich mit den Augen nicht am Instrument festhalten musst um ihn richtig zu spielen. Dieser wird deine Ausgangsbasis für den nächsten Artikel, wenn du mitmachen möchtest! Zwei Strophen, ein Refrain – mehr brauchst du (noch) nicht!

Lass uns gemeinsam herausfinden, wie du deinen Song zum charmanten Kellner der EMAs machst – sodass die Leute überlegen, wie viel lauter sie drehen möchten, WEIL sie ihn genießen, anstatt vor seinem Gebrüll wegzurennen (der laute Kellner hat nämlich definitiv kein Trinkgeld bekommen!) Und bis zum nächsten Mal: Das #GameImmerUpsteppen!

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